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Martina André-Kaut ist Head of Sector Communication der Europäischen Kommission. Sie war Ansprechpartnerin für unsere Fragen an die Generaldirektion Dolmetschen. Wir führten das Interview schriftlich.

Carlota Jovani –
Dolmetschen Web-Exklusiv

Welche Anforderungen bzw. welche Voraussetzungen muss ein Dolmetscher erfüllen, um für die Europäische Kommission zu arbeiten?

Ein Konferenzdolmetscher, der für die EU-Institutionen tätig sein möchte, muss zunächst die formellen Kriterien erfüllen: er muss über einen Master-Abschluss in Konferenzdolmetschen verfügen und den inter-institutionellen Akkreditierungstest bestehen. In diesem Test, wird neben der Beherrschung der Dolmetsch-Technik (Simultan und Konsekutiv) ebenfalls die Kenntnisse in den Sprachen und der Muttersprache (also Deutsch!) sowie EU-Wissen beurteilt. Abgesehen von diesen eher formellen Voraussetzungen könnte man sagen, dass ein angehender Konferenzdolmetscher folgendes Rüstzeug mitbringen sollte: die Fähigkeit aktiv zuzuhören, sich in die Gedankenwelt, Gemütslage etc. eines anderen Menschen hineinzuversetzen, neugierig zu sein und sich für alles zu interessieren. Natürlich muss ein Dolmetscher auch Interesse an fremden Ländern, Menschen aus anderen Kulturkreisen und Sprachen mitbringen. In der EU kommt in dieser Hinsicht niemand zu kurz: die Konferenzdolmetscher arbeiten in einem hochinteressanten, aufregenden internationalen Umfeld. Monotonie und Langeweile kommen nie auf.

Wird die Unabhängigkeit bzw. die Neutralität eines Dolmetschers geprüft?

Unabhängigkeit, Neutralität, Vertraulichkeit fallen unter den Oberbegriff Berufsdeontologie. Ähnlich wie in anderen Berufen (Rechtsberufe, medizinische Berufe etc.) gehören diese Aspekte zur Grundausbildung eines Konferenzdolmetschers während des Studiums. Innerhalb der Europäischen Kommission sind darüber hinaus alle Beamten und Bedienstete an den Ethikcode gebunden, der Aspekte wie Neutralität und Vertraulichkeit thematisiert.

Wie sieht der Arbeitsalltag eines Dolmetschers der Europäischen Kommission aus?

Dolmetscher haben keinen ‚geregelten‘ 8-Stunden-Tag. Die Arbeit der Dolmetscher ist abhängig von den Sitzungszeiten und damit von der Sitzungsgestaltung der Vorsitzenden. Eine Sitzung kann um 8:30 oder um 10:00 beginnen, die Mittagspause kann bereits um 12:00 oder aber erst um 14:00 beginnen und die Sitzung kann bereits um 16:00 oder aber erst um 18:30 enden. Daneben gibt es Sitzungen die bis tief in die Nacht gehen. Neben dem Dolmetschen in der Kabine muss natürlich jeder Dolmetscher die Sitzungen (unterschiedliche Themen, Vokabeln) auch gründlich vorbereiten, seine Sprachen pflegen und Schritt halten mit den aktuellen internationalen, europäischen und nationalen Geschehnissen. Dolmetschen ist also kein ‚langweiliger‘ Büro-Job, sondern stellt jeden Tag wieder eine neue Herausforderung dar.

Ist es eine Voraussetzung, aktuell informiert zu sein über die jeweilige Politik des Landes, für welches der Dolmetscher tätig ist?

Ja, selbstverständlich. Als EU-Dolmetscher arbeiten wir nicht für ein Land, sondern für die Mitgliedsstaaten und die EU-Institutionen. Natürlich müssen wir auf dem Laufenden sein und die tagespolitische Aktualität verfolgen. Als Dolmetscher ist man immer am Puls der Zeit und lernt nie aus. Gerade dieser Aspekt macht die Arbeit als Konferenzdolmetscher jeden Tag aufs Neue wieder interessant.

Arbeitet ein Simultanübersetzer für ein Land, einen Abgeordneten alleine oder wird die Übersetzung von weiteren Dolmetschern begleitet?

Konferenzdolmetscher arbeiten simultan in ihre Muttersprache für alle Zuhörer, die auf die Verdolmetschung angewiesen sind. Im Einzelfall mag dies ein Zuhörer aus einem Land sein oder sehr viele Zuhörer aus ganz unterschiedlichen Ländern, Vertreter von europäischen Institutionen, Verbänden usw. In der Kabine (also Simultan) arbeitet ein Dolmetscher nie allein. Je nach Anzahl der Sprachen arbeiten in einer Kabine mindestens 2 bis zu 4 Dolmetscher zusammen. Ein Team mit z.B. 22 Kabinen (also 22 aktiven Sprachen) besteht aus mindestens 66 Dolmetschern.

Jede Sprache weist zumeist eine Vielzahl an Dialekten auf. Ist ein Dolmetscher einer Sprache ebenfalls mit sämtlichen Dialekten von eben dieser vertraut?

Es gibt einen Unterschied zwischen einem Tonfall (wenn man z.B. einem Schwaben anhört, dass er aus Schwaben kommt) und einem Dialekt mit anderen Wörtern, einer von der Standardsprache abweichenden Aussprache etc. – Dolmetscher sind in der Lage, Ersteres zu dolmetschen, alle Dialekte sicherlich nicht. Auch ein Ottonormalverbraucher in Deutschland versteht sicherlich nicht alle in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesprochenen Dialekte.

Wie verhält es sich mit landespezifischen Vergleichen oder Metaphern, die in anderen Ländern unüblich oder nicht bekannt sind? Wird versucht, diese ebenfalls sinngemäß zu übersetzen?

Die Kunst des Dolmetschens besteht darin, einen Redner richtig wiederzugeben. Dabei spielen neben den vom Redner verwendeten Begriffen, Bildern etc. auch Gestik, Mimik, Intonation, Kontext eine wichtige Rolle. Aus all diesen Aspekten der verbalen und nonverbalen Kommunikation zieht der Dolmetscher die Informationen, die es ihm/ihr ermöglichen, den Redner in seinen/ihren Worten wiederzugeben. Für den konkreten Fall bedeutet dies, dass z.B. Metaphern sinngemäß wiedergegeben werden, dass länderspezifische Vergleiche erläutert oder an den Kontext der Zielsprache angepasst werden.

Gibt es Dinge oder Themen, die nicht übersetzt werden, wie beispielsweise persönliche Angriffe oder politische Tabuthemen oder auch vertrauliche Informationen, die versehentlich angesprochen wurden?

Nein- es ist nicht die Aufgabe des Dolmetschers, Informationen, Redebeiträge in welcher Form auch immer zu bewerten und dann entsprechend abzuändern oder abzuschwächen. Die Aufgabe des Dolmetschers ist es, die Intention des Redners und damit seine Aussage originalgetreu dem Zuhörer zu vermitteln.

Wie wird reagiert bzw. was passiert, wenn bei einer Simultanübersetzung der Sprecher nicht verstanden wird oder wenn dem Dolmetscher während dem Übersetzen eine Vokabel fehlt?

Wie gesagt, Dolmetscher ‚übersetzen ‚ nicht Wort für Wort, sondern geben den Inhalt wieder. Es kommt also nicht auf das einzelne Wort an, sondern auf die Aussage. Sollte etwas ‚passieren‘ gibt es immer noch die Kollegen, die aushelfen und z.B. Zahlen aufschreiben. Dolmetscher sind Teamplayer und auf gute Teamarbeit angewiesen.

Wird der Sprecher, im Falle eines Versprechers oder eines falschen Faktes vom Dolmetscher verbessert oder werden solche Fehler ebenfalls mit übersetzt?

Dolmetscher bewerten nicht und korrigieren deswegen auch nicht falsche Aussagen eines Redners. Bei offensichtlichen Versprechern (z.B. statt 2017 1917) kann der Dolmetscher korrigieren.

Übernimmt der Dolmetscher eine persönliche Verantwortung bei Misskommunikation, die im Rahmen der Übersetzung entstanden ist?

Sollte es in der Verdolmetschung zu einem Fehler gekommen sein, entschuldigt sich der Dolmetscher natürlich, so wie dies in jedem anderen Beruf ebenfalls geschehen würde. Dolmetscher sind keine Maschinen und deswegen ist auch bei uns Irren menschlich.

Werden Emotionen, die Lautstärke oder auch Betonungen des Sprechers vom Dolmetscher übernommen und sozusagen „übersetzt“ oder bleibt der Dolmetscher sachlich und neutral?

Dolmetscher übertragen die Intention und den Inhalt des Redebeitrags- Emotionen werden nicht ‚glattgebügelt‘, sondern entsprechend wiedergegeben.

Ist es überhaupt möglich, die eigene Meinung bzw. Haltung zu einem Thema oder auch Rhetorik vollständig aus der eigenen Sprache während dem Übersetzen zurück zu nehmen?

Ja, als professionelle Dolmetscher sind wir es gewohnt mit unserer persönlichen Meinung oder Einstellung vollständig hinter dem Berg zu halten.

Ändert sich die Kommunikation durch die einzelnen Sprachen? Wenn dem so ist, gibt es hierfür Beispiele, die das veranschaulichen?

Kommunikation an sich ändert sich nicht, denn Ziel der Kommunikation ist es immer, mit seinem Gegenüber in Kontakt zu treten und Meinungen und Standpunkte zu übermitteln. Was sich unterscheidet ist die gewählte Form, wo es durchaus kulturelle Unterschiede geben kann. So wird z.B. im Deutschen vorrangig die Sie-Form verwendet, im Spanischen eher die Du-Form. Aufgabe des Dolmetschers ist es, die für seine Zuhörer aus dem Kontext passende Anredeform zu finden, damit z.B. im vorliegenden Fall der deutsche Zuhörer nicht den Eindruck gewinnt, sein spanischer Gesprächspartner möchte sich anbiedern.

Ist es überhaupt möglich, die Gänze einer Kommunikation / einer Rede / eines Textes zu übersetzen oder geht durch den Prozess des Dolmetschens immer etwas davon verloren?

Dolmetschen ist im Unterschied zum Übersetzen eine mündliche Form der Kommunikation. Wie in jeder Form der mündlichen Kommunikation (auch zwischen Gesprächspartnern der gleichen Sprache) kann immer etwas verlorengehen, aber die Aufgabe des Dolmetschers ist es sicherzustellen, dass Gesprächspartner unterschiedlicher Muttersprache so miteinander reden und kommunizieren können, als würden sie mit Landsleuten reden.